royal blau

Ich steh an seiner Tür. Wie oft ich schon hier stand. Mein Herz rast. Mir liegen die Worte auf den Lippen, die ich sagen werde. Den ganzen Weg bin ich sie wieder und wieder durchgegangen. Zu Hause habe ich sie inwendig hin- und her gewälzt. So war es auch in der Nacht. Und so war es am Tag zuvor. Immer wieder ähnliche Worte und Sätze. Seine Sachen habe ich dabei. Alle seine Sachen. Den Zweitschlüssel zur Wohnung. Die Cd’s. Den mp3 Stick. Der royal-blaue Schal. Ich gehe nochmal alles durch: Schlüssel, Cd’s, Stick. 

Er riecht nach ihm, der Schal. 

Ich habe nichts, als alle diese Worte und Sätze im Kopf. Sie machen mich nervös. Oder vielmehr seine Reaktion auf sie. Wieder fange ich an, lautlos zu formulieren. Mein Körper vibriert. Bringe ich alles richtig auf den Punkt? Ist es verständlich? Drücke ich mich nicht zu kompliziert aus? Er soll es so einfach wie möglich haben! Geht das in dieser Situation überhaupt, es einfach haben? Womit fange ich nur an? Mit welchem der vielen Worte? Mit welchem der vielen Sätze? Ich spüre ein starkes Dröhnen in meinem Kopf. Wie so oft heißt es warten. Erst unten an den Klingelschildern, dann hier vor der Apartmenttür. Ich verstehe nicht, warum ich so oft klingeln muss, warten muss. Es ist immer dasselbe. Ich bin furchtbar nervös und stelle mir vor, wie er mich gleich ansieht – seine warmen Augen, die mich in mystische Zauberwelten entführen können. Ich stelle mir vor, wie sein Blick stockt. Eine leichte Falte würde sich über seine sonst glatte Stirn schlängeln. Eine einzelne, kleine Falte auf seinem makellosen Gesicht. Oh ja, sein Gesicht ist schön. Wunderschön! Im Geist betrachte ich ihn durchdringend. Taste ihn dabei förmlich ab. Ich stelle mir vor, wie er merkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Wie Besorgnis seine Mimik erobert und wie er dann mit weicher, einfühlsamer Stimme fragt, was los ist. Seine Stimme wäre dabei fast melodiös. Eine Melodie, die umarmt. Die Schutz und Verständnis verspricht. Ich weiß, dass er so nicht sprechen wird. Ich weiß, dass er mir nichts anmerken wird. Aber es wäre so schön.

Ich versuche mich zu konzentrieren. 

Er würde fragen was los ist. Das wäre mein Sprungbrett. Mein Sprungbrett in all die vielen Worte und Sätze. Worte und Sätze, die er alle schon kennt, aber die noch nie in eine bleibende Konsequenz geführt haben. Es ist mir unbegreiflich, warum ich immer so lange an diesen Türen warten muss. Erst unten, dann hier oben. Er kann das Klingeln doch gar nicht überhören. Dafür ist sein Apartment zu klein. Mein Hals ist trocken und ich klammere mich an meine Handtasche wie an ein Schutzschild. In der Tasche sind seine Sachen. Wie können mich seine Sachen schützen? Ich habe sie doch dabei, um – Mein Körper zittert. Im Flur hängt zu meiner rechten das hässliche Bild über das wir eine ganze Nacht mal Witze machten und zu dem wir uns die urigsten Geschichten ausdachten. Immer wieder sind uns neue Kausalketten eingefallen, die den Weg des Bildes in den kahlen Hausflur auf abenteuerlichste Weise beschrieben. Ich fange unwillkürlich an zu Grinsen, um dann eine erdrosselnde Hand auf meinem Herzen zu spüren. Von diesen Momenten muss ich mich verabschieden! Sie werden ab jetzt nie mehr sein. Sie sind Vergangenheit. Mein Alltag scheint mir augenblicklich trüb und sinnentleert. 

Ich atme tief durch. 

All diese Worte und Sätze sind wichtig! Ich muss sie sagen! Auch wenn die Konsequenz, die aus ihnen fließt, eine Leere in mein Leben katapultiert. Ich spüre den Bluterguss auf meinem Unterschenkel, der meinen Kopf an die Wichtigkeit der Worte und Sätze erinnert. Aber mein Kopf ist wie in Watte gepackt. In ihm dreht sich alles, während ich auf das hässliche Bild starre, aus dem Wärme zu fließen scheint. Unsere Geschichte, unsere Verbundenheit fließen mir aus ihm entgegen. Momente um Momente. Erinnerungen um Erinnerungen. All das Gute. All das Verbindende. All die schönen Worte, mit denen er mein Herz so oft zum Hüpfen brachte! Zuwendung, auch die kann er ausdrücken. Ich bin doch sein Halt! Ich hab doch den Zugang zu seinem Herzen! Wer hat den jemals gehabt? 

Als er die Tür öffnet, falle ich ihm als seine Freundin in die Arme. Ich habe nicht gemerkt, wie lang er mich diesmal hat warten lassen. All die Worte und Sätze, alles Zurechtgelegte hängt in meinem Inneren fest. Ich betrete das Apartment als seine Freundin und bin darin nichts anderes als seine Freundin. Als wäre ich nie etwas anderes gewesen. Als könnte ich nie etwas anderes sein. Als hätte es den Hinweg voller Worte und Sätze nie gegeben. Als wäre in meiner Handtasche nicht das, was in meiner Handtasche ist – sein Schlüssel, seine Cd’s, sein mp3-Stick, sein Schal. All die Worte und Sätze klettern mir den Hals hinauf. Sie stauen sich dort zu einem riesigen Knoten. Es werden mehr und mehr. Worte und Sätze. Worte und Sätze. Sie schnüren mir die Atemwege zu, vermehren sich und klettern weiter. Sie verfluchen den Gaumen mit Trockenheit, lähmen die Zunge, klettern weiter und weiter. Ein Strom unausgesprochener Worte und Sätze klettert mir bis zu den Lippen, während seine Freundin hüllenhaft neben ihm aufs Sofa sinkt. Ihn anlacht. Zärtlich seine Nähe sucht. Seine Freundin widmet ihm ihre ganze Aufmerksamkeit, obwohl sie um seine kämpfen muss. Sie opfert ihm all ihr Verständnis, ihren ganzen Humor, ihr ganzes Sein. Huscht in die Küche, um ihn mit Gekochtem zu verwöhnen. Um vor ihm gut dazustehen. Um eine Liebesbekundung von ihm zu ergattern. Sie tauscht Intimitäten mit ihm aus, um ihn glücklich zu machen. Bemüht sich, ihm im Bett die schönsten Stunden zu bescheren, obwohl ihr Inneres seine immer rauer werdenden, pressenden Bewegungen kaum erträgt. 

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht nicht viele Sätze. 

ICH TRENNE MICH. Drei Worte.

Aber ihre Lippen geben sie nicht preis. 

Bevor ich am nächsten Morgen gehe, hänge ich verstohlen den royal-blauen Schal an seine Garderobe. Er wird ihn brauchen. Es ist zurzeit oft windig. Ich möchte nicht, dass er friert.

Den royal-blauen Hals verstecke ich im Kragen und gehe zur Arbeit.